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Manchmal beginnt Begleitung nicht an der Haustür

31. Juli
4 Min. Lesezeit

Ein Smartphone liegt neben einer Kaffeetasse und einem Notizblock auf einem hellen Tuch im warmen, schattigen Sonnenlicht.

Neulich habe ich wieder mit einer Dame telefoniert, die ich begleite. Eigentlich wollten wir uns an diesem Tag sehen, so war es zumindest irgendwann einmal geplant. Doch wie so oft bat sie mich schon einige Tage vorher, ich möge sie mittags noch einmal anrufen, damit wir einfach schauen können, wie es mir geht.


Mittlerweile überrascht mich diese Bitte nicht mehr. Im Gegenteil, ich weiß inzwischen ziemlich genau, was passieren wird: Ich rufe an und frage, wie es ihr geht, und aus einem kurzen Anruf werden zwanzig Minuten, vierzig Minuten, manchmal auch anderthalb Stunden.


Sie erzählt mir dann von ihrem Tag, davon, dass die Nacht wieder kurz war, dass der Arzttermin anstrengend gewesen ist oder dass sie sich über den Pflegedienst geärgert hat. Sie sagt mir, dass sie heute einfach keine Kraft hat, und irgendwann kommt fast immer derselbe Satz: „Wenn es mir wieder besser geht, dann machen wir etwas Schönes.“


Mal möchte sie erst wieder besser laufen können, mal möchte sie vorher zum Friseur oder hofft einfach darauf, sich wieder mehr wie sie selbst zu fühlen. Und jedes Mal denke ich nach unserem Gespräch denselben Gedanken: Warum eigentlich warten?

Ich verstehe sie ja, wahrscheinlich sogar besser, als sie glaubt. Denn wir alle kennen dieses „Wenn erst... dann...“. Wenn erst wieder mehr Zeit ist, wenn die Wohnung aufgeräumt ist, wenn wir uns besser fühlen oder wieder mehr Kraft haben – als würde das Leben irgendwann den perfekten Moment für uns bereithalten.

Dabei fällt mir bei ihr etwas auf, das sie selbst wahrscheinlich gar nicht bemerkt: Wir warten zwar auf unseren gemeinsamen Ausflug, aber unseren Termin hatten wir längst. Nicht draußen, nicht bei einem Kaffee und nicht bei einem Spaziergang, sondern genau in diesem Telefonat.


Am Anfang unserer Gespräche wirkt sie oft bedrückt. Sie erzählt mir, warum heute alles schwerfällt, warum gerade nichts geht und warum sie lieber noch warten möchte. Ich höre dann einfach zu. Nicht, weil ich ihre Probleme lösen könnte – das kann ich nicht. Ich kann ihre Schmerzen nicht verschwinden lassen, ich kann ihr keine neue Kraft schenken und ich kann auch den Tag nicht verändern.

Und trotzdem passiert während unserer Gespräche fast immer etwas. Nicht plötzlich, sondern ganz leise. Irgendwann lachen wir, dann erzählt sie mir eine Geschichte von früher. Manchmal reden wir über Menschen, die sie vermisst, manchmal über irgendeine Kleinigkeit, über die wir beide schmunzeln müssen.


Die Situation ist am Ende unseres Telefonats noch genau dieselbe:

Die Beine tun immer noch weh, der Friseurtermin ist noch nicht gewesen und der Arzt hat sich nicht gemeldet. Und trotzdem ist etwas anders. Ihre Stimme klingt leichter – fast so, als hätte sie einen schweren Rucksack für einen Moment absetzen dürfen. Sie wirkt sichtlich erleichtert und jedes Mal verabschiedet sie sich mit einem herzlichen: „Vielen Dank für das schöne Telefonat.“


Jedes einzelne Mal denke ich danach, wie erstaunlich das eigentlich ist. Nicht ihre Situation hat sich verändert, aber ihr Gefühl. Vielleicht unterschätzen wir viel zu oft, was ein echtes Gespräch bewirken kann. Nicht, weil dadurch alle Probleme verschwinden, sondern weil sich ein Mensch für einen Moment nicht mehr allein mit ihnen fühlt.

Genau darum geht es doch so oft: Wir Menschen möchten unser Leben teilen – nicht nur unsere Sorgen, sondern auch unsere Freude, ein schönes Kompliment, eine gute Nachricht, eine Erinnerung oder einfach den Gedanken, der einem gerade durch den Kopf geht. Wenn etwas Schönes passiert, möchten wir es erzählen, und wenn etwas Schweres passiert, meistens auch. Erst wenn niemand da ist, merken wir, wie selbstverständlich dieses Teilen eigentlich geworden ist.


Doch nicht jeder hat jemanden. Nicht jeder hat einen Freundeskreis, nicht jeder möchte seine Kinder oder Angehörigen ständig belasten, und manche Menschen haben sich über die Jahre so sehr zurückgezogen, dass sie gar nicht mehr wissen, wen sie überhaupt noch anrufen könnten.


Vor einiger Zeit musste ich deshalb über mich selbst schmunzeln. Die Dame, die sich um meine Versicherungen kümmert, begleitet mich schon eine ganze Weile. Wir telefonieren regelmäßig, schreiben Sprachnachrichten und sprechen über Zoom, aber persönlich getroffen haben wir uns noch nie. Und wissen Sie was? Mir fehlt das überhaupt nicht.

Nicht, weil ich sie nicht kennenlernen möchte, sondern weil diese Art der Kommunikation für mich einfach angenehm ist. Ich muss dafür nicht nach Hause fahren, ich muss nicht überlegen, ob die Wohnung ordentlich aussieht, ich muss keinen Kaffee kochen und auch nicht daran denken, eine gute Gastgeberin zu sein. Wahrscheinlich wäre ihr das alles vollkommen egal, mir aber nicht.


In diesem Moment wurde mir klar, dass wir bei Unterstützung oft etwas als selbstverständlich ansehen, was es eigentlich gar nicht ist. Wir erwarten, dass Menschen ihre Haustür öffnen, dabei öffnen sie viel mehr als das: Sie lassen jemanden in den persönlichsten Ort ihres Lebens. Dorthin, wo Erinnerungen an den Wänden hängen, wo vielleicht noch ungeöffnete Briefe auf dem Tisch liegen, wo die Wäsche gerade nicht zusammengelegt ist oder das Geschirr noch in der Spüle steht. Das sind Dinge, die wahrscheinlich niemand bewerten würde – und die sich trotzdem unglaublich persönlich anfühlen.


Vertrauen entsteht eben nicht in dem Moment, in dem sich eine Haustür öffnet. Vertrauen entsteht oft schon viel früher; es wächst mit jedem Gespräch, mit jedem Zuhören, mit jedem gemeinsamen Lachen und mit dem Gefühl, sich nicht erklären zu müssen.

Und manchmal führt dieses Vertrauen irgendwann dazu, dass sich auch die Haustür öffnet – manchmal aber auch nicht. Denn es gibt Menschen, die sich am Telefon oder in einem Videogespräch einfach wohler fühlen, nicht nur heute, nicht nur als Übergang, sondern dauerhaft. Und auch das ist vollkommen in Ordnung. Denn Begleitung sollte sich dem Menschen anpassen, nicht der Mensch der Begleitung.


Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass Unterstützung niemals zusätzlichen Druck erzeugen sollte. Sie sollte nicht bedeuten, dass erst geputzt werden muss, dass man sich schnell noch umzieht, dass Kaffee gekocht wird oder man sich entschuldigt, weil das Wohnzimmer gerade nicht so aussieht, wie man es sich selbst wünschen würde. Unterstützung sollte entlasten und nicht noch eine zusätzliche Aufgabe sein.


Genau deshalb habe ich mich entschieden, meine Alltagsbegleitung und meine Trauerbegleitung künftig auch telefonisch und digital anzubieten.

Nicht als Notlösung, nicht als Ersatz, sondern als eine gleichwertige Form der Begleitung:

Für Menschen, die erst Vertrauen aufbauen möchten, für Menschen, die lieber in ihrem geschützten Zuhause bleiben, für Menschen, die einfach jemanden zum Reden brauchen oder für jene, die einen schönen Moment nicht für sich behalten möchten.

Denn ich glaube inzwischen fest daran, dass Begleitung nicht dort beginnt, wo sich eine Haustür öffnet. Sie beginnt genau dort, wo ein Mensch spürt:

„Da ist jemand, der mir wirklich zuhört.“

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